«REVISITED»: Auf dem Boden der Tatsachen

«The Brick 80»

 

Bautraditionen sind träge: Oft sind Bauherren im Aushandlungsprozess mit Architekturschaffenden unsicher, was sie künftigen Nutzern zumuten können, sollen. Mit der Übergabe entzieht sich das Bauwerk ihrer Kontrolle – bestenfalls über eine lange Lebenszeit von über 100 Jahren! Seine Tauglichkeit zeigt sich indes erst im täglichen Gebrauch. Wer also könnte die Qualität gebauter Architektur besser beurteilen als die Bewohnenden selbst?

In unserer losen Reihe Revisited möchten wir von verschiedenen «Heimatfronten» berichten, um nach unserem eigenen «Kontrollverlust» die Perspektive des Gebrauchs einzunehmen. Den Start macht «The Brick 80», ein in 110 Loftwohnungen umgewandelter Ex-Büroriese des Schweizer Fernsehens.

Fünf BewohnerInnen öffneten uns ihre Türen: eine eher jüngere Klientel aus Pärchen und Alleinwohnenden in ihren 30er- bis 50ern. Dabei zeigte sich, dass alle sehr wohl und sogar bestens mit dem «offenen» Grundriss umgehen konnten. Im Gegenteil, er beflügelte ihre Selbstbestimmung und Kreativität.

Von der gelungenen Territorialisierung zeugen komplett unterschiedliche Mobiliaranordnungen und Artefakte wie die heimelige Weinbar oder das futuristische Katzenklo. Zum positiven Grundrauschen gehört eine augenscheinliche Biophilie und Präferenz für Grün- und Erdtöne, während hochwertige Kaffee-Siebträgermaschinen wohl die Betriebstemperatur der Bewohnenden optimieren. Grosse Wertschätzung erfahren die raumgliedernden Sperrholzboxen, in deren detailverliebten Bädern man über ein Fenster auf Tuchfühlung mit der Aussen- oder Dart-Welt gehen kann.

Im Gebrauch wurden aber auch kleine Schwächen zu Tage geführt; etwa, dass sich der elegante, schwarze Asphaltgussboden nur zu gern klebrig mit dem Mobiliar vermählt (und den Verkaufszahlen der Saugroboter-Industrie wohl ein sattes Plus beschert). Gut möglich, dass es ebenfalls an diesem animierenden, strassentauglichen Belag liegt, dass einige Bewohnende ein Gravelbike ihr Eigen nennen.

Oder die Tatsache, dass sich der Architektenstolz; ein extrabreites, lindgrünes Fensterbrett, wirklich wunderbar als multifunktionaler Tisch eignet, von einer Bewohnerin aber als «zu determinierend» über die ganze Raumlänge hinweg empfunden wird. (mc)

Fotos: Roland Bernath